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dominik

Aktualisiert: 23. Mai



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Ende des letzten Sommers beschloss ich wandern zu gehen. Ich kaufte mir meine Ausrüstung, einen Reiseführer und lief los. Ich war zuvor noch nie gewandert und alles was ich wollte war, ein halbes Jahr etwas anderes zu machen und wo anders zu sein. So kam ich auf die Idee, in den nächsten Monaten mehr als 2000km nach Santiago de Compostela zu pilgern.


Meine Reise führte mich einmal durch Frankreich und Spanien, bis ich einen Tag vor Weihnachten in Santiago ankam. Ich hatte einige Zeit auf diesen Moment gewartet und gehört, dass viele Menschen bei ihrer Ankunft vor der Kathedrale in Tränen ausbrachen. Als ich dort ankam fielen die ersten Sonnenstrahlen auf die zwei obersten Türme. Die Sonne ging gerade auf und ich versuchte jedes Detail der Architektur wahrzunehmen, kam jedoch zu dem Schluss, dass es nur eine Kathedrale war vor der ich stand; jeglichen Gefühlsregungen fern. Nicht mal begreifen konnte ich, dass ich eben angekommen war.


Ich wurde gefragt, wie es sich anfühlte nach so einer lange Reise in Santiago anzukommen — „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht, wie es sich anfühlt“, war meine Antwort. Genauso wenig hatte ich das Gefühl angekommen zu sein. Ganz im Gegenteil; ohne zu wissen warum, machte sich in mir die Befürchtung breit, dass hier erst mein Weg beginnen würde.


Mein Zimmer war noch einige Monate untervermietet und ohne eine Bleibe beschloss ich weiter zu laufen. Bis ans Meer, dem westlichsten Punkt Europas. Von dort in den Süden bis nach Porto, Lissabon und wieder zurück nach Santiago. Das halbe Jahr neigte sich dem Ende und ich beschloss schließlich nach Hause zurück zu kehren: weiter arbeiten und weiter studieren.



„Es ist nicht so schwer loszulaufen, das Wiederkommen ist das Schwerste“, sagt eine Person, die seit drei Jahren unterwegs war, wir trafen einander auf unser beider Rückwegen. „Zuhause“, denke ich, einen Moment inne haltend und versuche mit meiner Hand nach einer Erinnerung aus einer anderen Welt zu greifen. Einige Tag später bin ich dort. Wie es so schwer war zu fühlen wie sich Zuhause anfühlt, ist es jetzt zu spüren wie sich damals Unterwegs anfühlte. Eine Kreisbahn schließt sich, Marvin fragt: „Weiß du noch damals, als wir zusammen in der Bar saßen und du mir erzählt hast, dass du den Jakobsweg laufen willst?“.


Die Erfahrungen und Personen, mit denen ich vor einem halben Jahr zu tun hatte sind mir wieder nah. Ferner dafür, fühlt sich mein Alltag auf dem Weg an: „Wie war es noch damals ganz alleine durch Frankreich zu laufen und mit niemanden zu sprechen als mir selbst?“. Es scheint, als sei ich auf der gegenüberliegenden Seite der Kreisbahn und meine Zeit unterwegs in diesem Moment am weitesten von mir entfernt. Ich stoße auf einige Fußspuren, die ich hinterlassen habe, bevor ich überstürzt aufgebrochen bin: meine Schuhe zum Beispiel sind noch matsch-verschmiert vom letzten Festival auf dem ich war. Ich habe sie unsorgsam in eine Tüte gepackt und in den Keller geworfen – ich kann die Person spüren, die hier einmal war.


„Nicht dort weiter machen, wo du warst, als wäre nichts gewesen.“

Es ist schwer zu glauben, dass zwischen dem Loslaufen und Ankommen nichts gewesen wäre (es liegen 35 geschossene, analoge und vier gefüllte Notizbücher auf meinem Schreibtisch, die das Gegenteil bezeugen). Da ist die Erinnerung einer großen Kathedrale in mir, ein Meer, an dem ich angekommen bin, fast als wäre ich ein anderer Mensch nun: „Ich habe es geschafft einen Weg zurück zu legen, den ich nicht erwartet hätte zu bewältigen. Was werde ich wohl sonst noch erreichen können, das ich zuvor nicht von mir erwartet hätte?“ Und so laufe ich mit neuen Augen durch die Stadt, mit Selbstvertrauen und Ruhe.


„Zwei Wochen nachdem du wieder in deinem gewohnten Umfeld bist fängst du an deine Erfahrung zu verarbeiten und du wirst intensive Träume haben“, prophezeit es mir eine Frau im Pilgerbüro in Santiago, die auf mich wie eine Schauspielerin wirkt. Ich warte darauf, dass sich mir die Antwort auf Fragen offenbaren...

„Das Wiederkommen ist das Schwerste“, hallt es noch einige Male nach dem Ankommen in meinem Kopf. Gleichzeitig beantworten sich mir andere Fragen, die ich zuvor hatte: „Wer bist du?“ und „Was willst du?“. Manchmal sitze ich einfach nur da, beobachte die Menschen und bin glücklich damit nichts zu tun zu haben. Vielleicht werde ich mich nochmal auf den Weg machen müssen. Das Konzept der Kreisbahn nutzen und den Gefühlen vom Laufen wieder nah zu sein. Ich habe bereits gehört, dass der Weg nach einiger Zeit wieder zu sich rufen würde.


In Frankreich geriet ich in ein Unwetter. Zwei Wochen lang regnet es von Morgens bis Abends. Ich laufe trotzdem und komme jeden Abend an einem neuen Ort an.

Fast hätte ich mich in einen Zug gesetzt und wäre nach Hause gefahren. „Du musst einfach nur weiter gehen und es wird alles gut.“, sagt mir zu dieser Zeit eine Frau (mein Engel) — „Nur noch bis zur nächsten Stadt mit einem Bahnhof“, sagte ich mir die darauf folgende Woche. Ich habe das Gefühl, dass mich dieser Satz noch mein ganzes Leben begleiten wird: „weiterlaufen, dann wird alles gut“, bisher hat er sich jedenfalls jedes Mal bewahrheitet.


Ich laufe weiter, ich versuche Antworten auf Fragen zu finden, ich lege Erinnerungen frei, ich fühle, dass sich einiges geändert hat. Ich bin zu Fuß von Trier bis nach Santiago de Compostela gelaufen und an einem Ort angekommen, von dem ich dachte, dass er mir nichts bedeutet und trotzdem ist seit diesem Tag alles anders gewesen.

























 

Über den Autor

Dominik studiert an der HGB Leipzig Fotografie und ist seit zwei Jahren glücklich Teil des Noland Teams.



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